Gute Vorsätze für das neue Jahr

Wie wir nicht nur uns selbst, sondern gleich die ganze Welt ein bisschen besser machen können.

Silvester, kurz nach Mitternacht. Der Sekt macht schwindelig, die Böller dröhnen in den Ohren, man wirft sich aus einer Umarmung in die nächste, zittert vor Kälte – und dann diese Frage: „Und, hast du gute Vorsätze?“ „Ich höre auf zu rauchen!“, ruft der Raucher von der einen Seite und entzündet euphorisiert die garantiert letzte Zigarette. „Ich verbringe mehr Zeit mit der Familie“, murmelt der Unternehmensberater auf der anderen Seite und tippt gleichzeitig Neujahrswünsche in seinen Blackberry. Man ahnt: Nichts davon wird passieren, will aber trotzdem was Besseres sagen. Die Welt verbessern – ist das ein Vorsatz?

Wünsche und Vorsätze

Was würde man sich wünschen, wenn man drei Wünsche frei hätte? Die meisten würden wahrscheinlich allein fürs gute Gewissen einen Wunsch dem Weltfrieden widmen. Vorsätze dagegen dienen eher dem eigenen Wohlbefinden: Ich will mich weniger stressen lassen. Ich will mehr Zeit mit der Familie und mit Freunden verbringen. Ich will mehr Sport treiben. Ich will mehr Zeit für mich haben. Ich will gesünder essen. Das waren 2010 die meistgenannten Vorsätze in der jährlichen Forsa-Umfrage für eine Krankenkasse. Viermal Egoismus, einmal Altruismus – wobei sich sogar darüber diskutieren ließe. Ich, ich, ich.

Mit Wünschen wollen wir die Welt besser machen – mit Vorsätzen optimieren wir uns lediglich selbst. Dabei könnte man mit Vorsätzen soviel mehr bewegen als mit Wünschen. Selbst wenn es, wie Umfragen zeigen, allerhöchstens jeder Zehnte schafft, seine Vorsätze tatsächlich umzusetzen, sind das sehr wahrscheinlich immer noch deutlich mehr Menschen, als diejenigen, die pro Jahr von einer guten Fee drei Wünsche offeriert bekommen. Auch wenn es dazu keine Umfragen gibt.

Vielleicht liegt das daran, dass Vorsätze im Vergleich mit Wünschen einen entscheidenden Nachteil haben: Man muss mehr tun, als auf die Fee zu warten. Die Welt verbessern also. Die schwerste Aufgabe überhaupt, an der Regierungen und Religionen gescheitert sind. Das kann ja nicht klappen. Da braucht man gar nicht erst anzufangen. Oder? Vorsätze, sagen Psychologen, haben nur dann eine Chance, wenn man sich nicht zu viel vornimmt. Insofern ist „die Welt verbessern“ ein schlechter Vorsatz.

Allerdings können auch kleine Dinge schon positiv wirken. Zum Ökostrom-Anbieter wechseln, wenn man ohnehin schon dabei ist, dem Großkonzern mit seinen überzogenen Preisen die Kündigung zu schicken. Das Fleisch in der Bio-Variante kaufen, wenn man eh weniger davon essen möchte, der Gesundheit wegen. Erfolgserlebnisse sind hier eigentlich ziemlich leicht zu haben.

Die Psychologen sagen außerdem: Vorsätze sollten nicht mit Verzicht, sondern mit angenehmen Gefühlen in Verbindung gebracht werden – eine Voraussetzung, an der schon die meisten Standard-Vorsätze scheitern. Die Welt verbessern – das klingt nach ständiger Auseinandersetzung mit Klimakatastrophe, Kinderarmut, Krieg. Keine angenehmen Themen.

Und doch macht das Vorhaben, den eigenen Alltag ethischer zu gestalten, das Dasein reicher: „Nicht nur durchs Leben rennen, sondern bewusst hinterfragen, was man tut – das hat einen großen Wert. Man fühlt sich vielleicht nicht spektakulär anders, aber molliger, zufriedener“, sagt Claudia Langer, Gründerin der Stiftung und des Internetportals Utopia, das strategischen Konsum fördert. „Man fühlt sich weniger schwach und hilflos, man merkt: man kann doch etwas verändern“, sagt Kirsten Brodde, Autorin und Aktivistin aus Hamburg.

Betrachtet man die aktuelle Protest-Welle, ist der Aufbruch zudem alternativlos: Wer immer nur nörgelt, rührt bloß im eigenen Unmut, wer in seinem eigenen Umfeld konstruktiv Veränderungen anstößt, schafft eine ganz andere Grundstimmung. Dafür fühlt sich besser an als dagegen.

Motor des Wandels ist nicht die – eher lustlose – Verweigerung, sondern: lustvoller Konsum. Und, ganz ehrlich: den schätzen doch die meisten von uns. Mit unserem Hang zum Einkaufen sind wir der Industrie aber nicht hilflos ausgeliefert, ganz im Gegenteil: „Verbraucher haben gerade in Deutschland eine wahnsinnige Steuerungsfunktion“, sagt Claudia Langer. „Sie sind nicht so machtlos, wie sie immer glauben.“ Durch strategischen Konsum, also gezieltes Einkaufsverhalten, können wir Unternehmen zur Richtungsänderung bewegen – indem wir es ihnen schmackhaft machen, mehr Klamotten aus Bio-Baumwolle oder Kosmetik ohne Produkte aus Erdöl und Tierversuche anzubieten, weil wir genau diese Produkte kaufen, die anderen aber nicht mehr.

Um das zu erreichen, dürfen wir uns nicht alles verkneifen, wir müssen uns förmlich etwas gönnen. Wer bewusst einkaufe, tausche das Gefühl der Ohnmacht gegen das Gefühl, die Gesellschaft mitzugestalten, sagt Claudia Langer. Denn Konsum bewegt: „Das legt einen Schalter um – im eigenen Kopf und in dem von anderen“, sagt Kirsten Brodde.

Und noch einen angenehmen Nebeneffekt hat der Neustart als Weltverbesserer: Man liegt damit total im Trend. Immerhin werden Bücher wie Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ oder Richard David Prechts „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ zu Bestsellern, und sogar Demonstrieren ist wieder hip. Neue Widerstandsformen, das beschreibt Kirsten Brodde in ihrem Buch „Protest!“, können sogar richtig Spaß machen – frustriert einer Demo hinterher latschen war gestern.

Nicht kleinreden lassen

Aber was ist, wenn man, irgendwann im Lauf des Jahres, an seinen Vorsätzen gemessen wird? Und das Urteil lautet: Naja, die Welt verbessern – ich merke noch nichts, und du hast vielleicht jetzt Ökostrom, fährst aber immer noch mit dem Auto zum Fitnessstudio. „Wenn jemand gar nichts macht und mir dann sagt, das, was ich mache, reicht nicht, da bekomme ich eine ganz steile Falte auf der Stirn. Man darf sich das nicht kleinreden lassen“, sagt Kirsten Brodde. Und das Schöne an Vorsätzen ist ja außerdem: Wenn man nicht durchhält, hat man nur das gleiche schlechte Gewissen wie vorher auch. Aber: Man kann immer wieder anfangen. Auch, wenn einem Silvester kurz nach Mitternacht auf die Frage nichts eingefallen ist.

Quelle: http://www.fr-online.de/ratgeber/wirklich-gute-vorsaetze/-/1472794/5056812/-/index.html

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